Zeitzeuge im Gymnasium : Die DDR als gelebter Alptraum

Sie sind hier

Quelle: 
derwesten.de vom 31.5.2011

Aufmerksam hörten die Schüler Peter Keup (lila Hemd) zu. Foto: Christina Makarona

 

Schwelm. Peter Keup hatte eine unbescholtene Kindheit. „Meine Eltern besaßen ein Haus so groß wie eine Villa“, erzählt er. Doch nach den glücklichen Jahren entwickelten sich Keups Leben zu einem Alptraum, als er im Jahr 1981 einen Fluchtversuch aus der DDR startete. Der damals 21-jährige Tänzer, der so oft zu Turnieren in die Tschechoslowakei gereist war und von dort aus über Ungarn nach Österreich fliehen wollte, beging „einen kleinen Fehler mit fatalen Folgen: Ich kaufte keine Rückfahrkarte.“

Schüler interviewen Zeitzeugen der DDR

Die Zehntklässler des Märkischen Gymnasiums sitzen in der Mensa in einem Stuhlkreis und hören Keup gebannt zu. Im Rahmen ihres geschichtlichen Projektes „Neuanfang im Westen – Zeitzeugen berichten“ interviewten sie gestern den Essener, der über die Schreckenszeit in der Deutschen Demokratischen Republik berichtete.

Zu Anfang waren wir willkommen, denn meine Eltern waren in die DDR eingereist“, erzählt der heute 50-Jährige. In den fünfziger Jahren floh sein Vater als Mitglied der Kommunistischen Partei aus Essen vor der drohenden Verhaftung. Doch Keups Mutter hatte noch Verwandtschaft im Westen, wollte die Familie wieder zusammenführen. „Meine Eltern stellten Ausreiseanträge, die zehn Jahre lang grundlos abgelehnt wurden.“

Diese Reiseanträge waren der Grund, weshalb die Familie bei der Staatssicherheit aktenkundig wurde. „Ich wurde von der erweiterten Oberschule – eine Art Gymnasium – verwiesen und fand keine Ausbildung.“ Die Eltern durften ausreisen, doch Keup musste bleiben. Er war 18 und musste einen eigenen Antrag stellen. „Aus Willkür wurde dieser natürlich auch abgelehnt, immer und immer wieder.“

Seine Leidenschaft hatte Keup im Tanzen entdeckt. In die Tschechoslowakei durfte er ohne Visum zu Turnieren fahren. „Nie wurde ich im Zug nach der Rückfahrkarte gefragt.“ Die Kontrolle sollte drei Jahre später erfolgen, als er einen Mann kennenlernte, mit dem er die Flucht über die ungarische Grenze nach Österreich plante. „Wir wollten uns dort treffen und durch die Donau schwimmen.“

Dazu sollte es nicht kommen. „Ich wurde im Zug zum ersten Mal nach einer Rückfahrkarte gefragt, doch ich hatte keine. Ich wollte ja nicht zurück.“ Daraufhin wurde Keups Koffer durchsucht. „Die Stasi entdeckte mein Fernglas, die Taucherbrille. Ich musste mich ausziehen, wurde wieder kontrolliert. Sie wussten, dass ich fliehen wollte.“ An dem Punkt endete die Reise für den 21-Jährigen. Er wurde zurückgebracht, tagelang verhört. „Es wurde dunkel, hell, wieder dunkel. Ich wusste nicht, wie viele Tage vergangen waren, bekam kein Essen, nichts zu trinken und durfte nicht auf die Toilette, bis ich zugab: Ich wollte fliehen.“

Sein Wille war gebrochen, die nächsten vier Monate verbrachte der heutige Essener in Einzelhaft. „Ich freute mich über ein Verhör des Stasi-Vernehmers, denn er fragte mich zumindest, wie es mir geht.“

Gefangener entwickelte Freude auf das Verhör

Keups Großeltern konnten ihn für 40 000 D-Mark freikaufen. „Da wog ich nur noch 56 Kilo.“ Mit dem Bus ging es nach Essen, wo Keup heute eine Tanzschule betreibt – und trotz der Wende nie mehr in den Osten zurück will.

 Weiter geht es mit dem Thema im MGS heute mit dem Planspiel „Der Runde Tisch“. In verschiedenen Verhandlungsrunden ringen die Schüler dort um politische Kompromisse zwischen Regierung und Opposition