Schwelmer gedachten der Opfer des Holocaust

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Westfalenpost vom 30.01.2018

 

Südstraße | „Schwelm gehört zu den Städten, die sich den Aufruf des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog von 1996 zu Herzen genommen haben. Seit vielen Jahren versammeln wir uns hier am 27. Januar. Es ist der Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz im Jahr 1945 befreit wurde“:

Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeisterin Gabriele Grollmann an der Südstraße 7 zahlreiche Bürgerinnen und Bürger am Gedenkstein für ehemalige Schwelmerinnen und Schwelmer jüdischen Glaubens.
Das gemeinsame Gedenken erinnerte an das fürchterliche Geschehen während des sogenannten Novemberpogroms von 1938. Gabriele Grollmann: „In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden gezielt in ganz Deutschland Menschen jüdischen Glaubens aus ihren Wohnungen entführt, misshandelt und verhaftet. Wohnungen wurden verwüstet, Geschäfte geplündert und Synagogen in Brand gesteckt.
Es handelte sich nicht um den Beginn der Ausgrenzung von Bürgern jüdischen Glaubens, sondern um einen schreckerfüllenden ersten Höhepunkt. Begonnen hatten die Ausgrenzungen schon 1933.
Der kalkulierte Gewaltausbruch vom 9. und 10. November ließ keinen Zweifel daran, dass jeder Bürger, der seinen jüdischen Glauben lebte, um sein Leben fürchten musste“.
Die Bürgermeisterin hatte im vergangenen November auf dem Volkstrauertag in Schwelms Partnerstadt Fourqueux einen alten Mann jüdischen Glaubens kennengelernt, der zusammen mit seinen Geschwistern und Eltern während der deutschen Besatzung nur mithilfe von Freunden in einem Versteck überlebt hatte.
Sie glaube, so die Bürgermeisterin, dass wir Heutigen uns die absolute Todesangst der verfolgten Menschen überhaupt nicht vorstellen könnten: „Diese Todesangst hat jede Minute des Lebens im Versteck geprägt. Genau, wie bei den gequälten Gefangenen in den Konzentrationslagern, blendete das eigene Empfinden Gedanken an eine persönliche Zukunft praktisch aus. Das einzige, was noch zählte, war, von Minute zu Minute zu überleben, und von Stunde zu Stunde“.
Das Gefühl vieler Opfer, die ihren Tod innerlich bereits vorgenommen und erlitten hatten, so dass sie selbst als Gerettete für immer die Sterbeerfahrung in sich tragen würden, verdeutlichte sie mit den Worten der Dichterin Nelly Sachs, die 1946 in ihrem Gedicht „Chor der Geretteten“ schrieb:
„Wir odemlos gewordene,
Deren Seele zu Ihm floh aus der Mitternacht
Lange bevor man unseren Leib rettete
In die Arche des Augenblicks“.
Auch die Stolpersteingruppe des Märkischen Gymnasiums erinnerte an die schrecklichen Übergriffe vom 9. und 10. November 1938. Linda Hass, Jan Hermann, Nils Hermann Anne Hesseler aus den Klassen 10 und 11. und ihre Lehrerinnen Gabriele Czarnetzki und Anke Bütz trugen zunächst zahlreiche der Verordnungen vor, mit denen von 1933 an die Entrechtung und Ausgrenzung jüdisch gläubiger Mitmenschen systematisch vorangetrieben wurde.
Mit immer neuen perfiden Regelwerken wurden Menschen, die gestern noch Freunde, Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen gewesen waren, um ihre Bürgerrechte und Lebensgrundlagen gebracht und offen der Verachtung und Verfolgung ausgesetzt.
Die Stolpersteingruppe führte Erinnerungen von Zeitzeugen an, die die Reichspogromnacht erlebt und erlitten hatten. Aus den zitierten Äußerungen klangen die Verstörung und der Schrecken nach, die die unfassbaren Ereignisse für immer in den Menschen verankert hatten.
Die Bürgermeisterin dankte den Schülerinnen und Schülern sowie ihren Lehrerinnen sehr herzlich für deren großes Engagement auch bei diesem Gedenken. Ihr Dank galt ebenso Ingrid Andre, die sich seit Jahren um den Gedenkstein kümmert sowie allen Bürgerinnen und Bürgern, die am Gedenken teilgenommen haben und die nach einer Schweigeminute für die Opfer des Holocaust auseinandergingen.