Gedenken ist mehr als nur stille Erinnerung

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Westfalenpost vom 10.05.2017

Ausstellung in Schwelm erinnert an Ermordung von 20 Kindern.

Bis Ende Mai ist im Märkischen Gymnasium die Wanderausstellung „Die Kinder vom Bullenhuser Damm“ zu sehen.

Von Andreas Gruber.

Ihnen wurden Bazillen unter die Haut gespritzt und anschließend die Lymphknoten herausoperiert. Die SS-Schergen behandelten sie monatelang wie Versuchskaninchen. Sie waren zwischen 5 und 12 Jahren alt und erlitten unvorstellbare Qualen. Um das Verbrechen zu vertuschen, wurden sie am 20. April 1945 in einem Hamburger Keller bestialisch ermordet. 33 Jahre später recherchierte der Journalist Günther Schwarberg die Geschichte der 20 „Kinder vom Bullenhuser Damm“. Eine Wanderausstellung erinnert heute an das Schicksal der jüdischen Mädchen und Jungen und ist jetzt im Märkischen Gymnasiums zu sehen. Die Eröffnung am Montag zeigte vor allem eins: Wie aktuell das Vergangene ist und welche Verantwortung daraus erwächst.

Schwierige Aufarbeitung

„Das Datum für die heutige Ausstellungseröffnung ist nicht zufällig gewählt“, erklärte Lehrerin Gabriele Czarnetzki in ihrer Ansprache vor Gästen und zahlreichen Schülerinnen und Schülern. Gemeinsam mit Anke Beutz leitet sie am Gymnasium die AG Lokalgeschichte/Stolpersteine.

Am 8. Mai auf den Tag genau vor 72 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. „Die 20 Kinder, von deren Schicksal diese Ausstellung eindrücklich Zeugnis gibt, durften diesen Tag nicht mehr erleben. Mit der Eröffnung am heutigen Tag soll den Kindern und ihren Angehörigen auch hier in Schwelm ein Gesicht gegeben werden“, so die Pädagogin.

Große Schautafeln mit einführenden Texten und vielen Bildern, die im Atrium stehen und auch der Öffentlichkeit zugänglich sind, erinnern nicht nur an das Schicksal der 20 jüdischen Kinder. Sie informieren auch an die mitunter schwierige Aufarbeitung des düsteren Kapitels, in deren Verlauf immer mehr Angehörige ausfindig gemacht und so immer mehr Licht ins Dunkle gebracht werden konnte. Mit Morphium hatten die Nazis die Kinder in der Mordnacht betäubt, ehe sie bei lebendigem Leibe an Wandhaken aufgehängt wurden.

1979 gründeten die überlebenden Angehörigen die Vereinigung Kinder vom Bullerhauser Damm e.V. Sie will die Erinnerung an die ermordeten Kinder und ihre Schicksalsgenossen wachhalten. Sie will vor allem den Schülern in Deutschland das mörderische Wesen von Faschismus und Nationalsozialismus vermitteln. Ihre klare Botschaft lautet: So etwas darf es in Deutschland nie mehr geben. An erster Stelle steht dabei immer die Frage: Wann fängt Diskriminierung überhaupt an?

Mörderisches Wesen vermitteln

Die Arbeit der Vereinigung ist dem Schwelmer Gymnasium bestens vertraut. Der 2008 verstorbene Journalist Günther Schwarberg, der einst das Schicksal der Kinder recherchierte, ist der Schwager von MGS-Schulleiterin Katharina Vogt. Ihre Schwester Barbara Hüsing, die als Rechtsanwältin vor Jahren Klage gegen an den Kindermorden beteiligte SS-Schergen erhob, ist bis heute in der Vereinigung aktiv. Zur Eröffnung in Schwelm konnte sie leider nicht kommen.

Barbara Hüsing hatte jedoch Grußworte verfasst, die Lehrerin Gabriele Czarnetzki den Gästen und Schülern vortrug. Darin heißt es unter anderem: „Gedenken ist nicht nur stille Erinnerung, es ist Arbeit. Und Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für Menschenwürde und ein friedliches Zusammenleben. Wie wichtig dieser Kampf ist, zeigen uns AfD, Pegida, das Erstarken von Neonazigruppen und letztlich auch die große Gleichgültigkeit gegenüber gefährlichen antidemokratischen Entwicklungen. Mit unserer Wanderausstellung wollen wir zu diesem Kampf beitragen.“

Schulen können sich die Wanderausstellung ausleihen, und es gibt auch Materialien für den Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler des Märkischen Gymnasiums befassen sich seit mehreren Wochen damit. Im Januar, zum Holocaust-Gedenktag, hatten Gymnasiasten der AG Lokalgeschichte/Stolpersteine und aus dem Abiturjahrgang die Biografien der 20 Kinder der Schwelmer Öffentlichkeit vorgestellt. Im Unterricht wurde das Thema umfänglich aufgearbeitet.

„Ich finde das Projekt wichtig“, erklärte zur Eröffnung Schülerin Beatrix Starke. Es helfe dabei, die Dinge um einen herum erklären und einordnen zu können. „Erdogan, Orban, Rechtspopulismus: Es kommt ja alles wieder“.

Thema im Unterricht aufgearbeitet

Positiv äußerte sich auch Kutay Kursun: „Es bringt sehr viel. Vorher war ich nicht so interessiert bei diesen Themen. Jetzt bin ich es viel mehr“. „Das Thema berührt einen“, meinte auch Till Rahn.

Möglich wurde die Wanderausstellung in Schwelm, deren Transportkosten von den Schulen zu übernehmen sind, durch die Unterstützung der Erfurt-Stiftung. Wilhelm Erfurt war zur Eröffnung persönlich gekommen. Anwesend waren auch Cornelia Eggert und Heike Rudolph (jeweils Erfurt-Stiftung), Pastoralreferentin Claudia Buskotte (St. Marien) und Heimatbuch-Autor Dr. Robert Seckelmann.